Schon ins Land der Pyramiden
Flohn die Störche übers Meer;
Schwalbenflug ist längst geschieden,
Auch die Lerche singt nicht mehr.
Seufzend in geheimer Klage
Streift der Wind das letzte Grün;
Und die süßen Sommertage,
Ach, sie sind dahin, dahin!
Nebel hat den Wald verschlungen,
Der dein stillstes Glück gesehn;
Ganz in Duft und Dämmerungen
Will die schöne Welt vergehn.
Nur noch einmal bricht die Sonne
Unaufhaltsam durch den Duft,
Und ein Strahl der alten Wonne
Rieselt über Tal und Kluft.
Und es leuchten Wald und Heide,
Dass man sicher glauben mag,
Hinter allem Winterleide
Lieg‘ ein ferner Frühlingstag.
Das Gedicht „Herbst“ wurde 1848 von Theodor Storm verfasst. In dem Gedicht geht es um die gleichnamige Jahreszeit und den Übergang einer eher romantischen Vorstellung von der Natur hin zu einem nüchternen, zweckorientierten Umgang. Das Gedicht lässt sich an der Schwelle von der Romantik zum Realismus einordnen.
In dem Gedicht beschreibt das lyrische Ich wie die schönen Sommertage vergehen und trauert diesen hinterher. Außerdem bemerkt es, dass der Herbst schon lange unaufhaltsam eingetreten ist.
Das Gedicht hat insgesamt 5 Strophen mit jeweils 4 Versen, welche in einem Kreuzreim geschrieben sind.
In der ersten Strophe beschreibt das lyrische Ich das Verhalten der Zugvögel, die schon in den Süden geflogen sind, ins Land der Pyramiden. Damit wird das Land Ägypten repräsentiert. (V.1)
In der zweiten Strophe wird der Wind bildhaft personifiziert „seufzend streift der Wind das letzte grün“. Im letzten Vers der zweiten Strophe wird eine Wortwiederholung verwendet, die der Intensivierung dient „Ach, sie sind dahin, dahin.“ Die Wortwiederholung lässt das ganze nochmal schlimmer und dramatischer darstellen.
Generell trauert der Autor in den ersten 4 Strophen dem Sommer hinterher und verbindet den Herbst eher mit negativen Gedanken. Diese Strophen sind von der Wehmut des lyrischen Ichs geprägt. (V.12)
Auch in der dritten Strophe verwendet der Autor eine Personifikation „Nebel hat den Wald verschlungen“. (V.9) Des Weiteren werden typische Phänomene aus der Romantik genannt, wie z.B. Nebel, Dämmerung (V.9 + 11). Im letzten Vers der dritten Strophe verwendet das lyrische Ich eine Hyperbel (Übertreibung) „will die schöne Welt vergehn“.
In der vierten Strophe wird der Genuss der letzten Sommertage betont. Im zweiten Vers der vierten Strophe wird die Sonne nochmal besonders betont durch das Wort „unaufhaltsam“. (V.13+14)
In der fünften und damit letzten Strophe wird der Winter erstmals negativ dargestellt, hierbei verwendet er einen Neologismus “Winterleide” (V. 19). Im letzten Vers wird auf die Vergänglichkeit der Jahreszeiten hingedeutet. Dementsprechend werden die negativen Gedanken in neue Hoffnungen auf den bevorstehenden Frühling umgewandelt. Das lyrische Ich verwendet hierbei eine Alliteration “ferne Frühlingstage” (V. 20) zur Intensivierung.
Insgesamt können wir bestätigen, dass das Gedicht zwar mit der romantischen Vorstellung der Natur geschrieben wurde, aber dennoch sehr nüchtern und zweckorientiertverfasst wurde. Das lyrische Ich hat den Herbst mit eher negativen Gedanken aufgefasst, bis es bemerkt, dass die Jahreszeiten vergänglich sind und schon bald wieder ein schöner Frühlingstag kommen wird.
Verfasserinnen: Mahssa A., Sepideh R., Rosina Z. (BOS 13, BSW Hamburg)